EST RUS
 
Jõulurahu soovides 2014
Jõulurahu aeg on käes, kiirelt muutuvas maailmas on siis vähemalt ...
aasta 2013
Goodbye Aljoscha

Auf den ersten Blick gleicht das Verhältnis zwischen Estland und Russland dem einer zerrütteten Ehe. Die junge estnische Republik hat sich von dem Bund mit Russland losgesagt, der in der Retrospektive nur den bitteren Nachgeschmack einer Zwangsehe hinterlässt. In der Beziehung zu ihrem neuen Partner, der Europäischen Union, der ihre frisch gewonnene Freiheit und Demokratie sichert und Wohlstand bringt, stören nun die Kinder aus erster Ehe, welche die Sprache und Gewohnheiten des Vaters beibehalten wollen.

Vor einem Jahr zogen die rebellierenden Kinder durch die Gassen der beschaulichen Tallinner Altstadt, schmissen Steine und plünderten Geschäfte. Ein junger Mann kam dabei aus unter bislang ungeklärten Umständen ums Leben, 40 Menschen wurden verletzt, mehr als 300 verhaftet. Anlass für die größten Unruhen in der jungen Geschichte des unabhängigen Estlands war die Verlegung der Bronze-Statue eines sowjetischen Soldaten zum Gedenken an die Opfer des Zweiten Weltkrieges, liebevoll auch Aljoscha genannt.

Der 34-jährige Russe Dmitri Linter soll die Unruhen angezettelt haben. Linter zählt sich zu den Gründungsmitgliedern der "Nachtwächter", einer Gruppe, welche die Verlegung des Denkmals von einem öffentlichen Platz im Stadtzentrum auf einen Militärfriedhof verhindern wollte. Seine persönliche Geschichte ist eng mit den April-Geschehnissen verwoben: "Ich habe alles verloren, meine damals junge Ehe ist an meiner siebenmonatigen Haftstrafe zerbrochen." Der 34-Jährige spricht ruhig und freundlich. Manchmal weicht er Fragen aus und eröffnet einen Monolog, in dem er druckreif erzählt, was er schon etliche Male referierte: von seinen vergeblichen Bitten an die Obrigkeit, die "Nachtwächter" anzuhören, von Folter, von Diskriminierung, Schikane und einer Verschwörung gegen die russische Minderheit. "Wir haben davor gewarnt, dass es zu Unruhen kommen kann, falls es keinen normalen Dialog gibt", sagt Linter, der sich von der Gewalt in der Krawallnacht distanziert. Man kennt seinen Namen in Estland: Oft hat er sich im russischen Fernsehen als Opfer einer faschistischen estnischen Kampagne gezeigt, oft wurde er von der estnischen Presse als Täter, als Anstifter der Unruhen identifiziert.

Das Problem liegt im unterschiedlichen Geschichtsverständnis

Als die Professorin Marju Lauristin erfährt, dass wir mit Dmitri Linter gesprochen haben, verweigert sie zunächst ein Interview. Die Estin möchte nicht in einem Artikel auftauchen, in dem auch der Extremist zu Wort kommt. Er sei ein professioneller Lügner, der seine Anweisungen direkt aus Moskau erhalte. Niemals würde sie sich mit Linter in einem Raum aufhalten. Die Professorin für Soziale Kommunikation lädt uns dann doch zu einem Gespräch in der Universitätsstadt Tartu.

Nach der Unabhängigkeit Estlands wurden viele Denkmäler aus sowjetischer Zeit versetzt oder entfernt, der Bronzene Soldat behielt seinen Platz, verlor zunächst aber an Bedeutung, erzählt die Mitbegründerin der Sozialdemokratischen Partei Estlands. Im Jahr 2005, als Russland den 60. Jahrestag des Sieges über Hitlerdeutschland feierte, blieben der estnische und der litauische Präsident der Zeremonie in Moskau fern. Erst wenn Russland das Geschichtsverständnis aufgebe, dass sich die baltischen Staaten freiwillig der Sowjetunion angeschlossen hätten, gäbe es einen Grund zum Feiern.

Der Professorin zufolge nahmen seit 2005 politische Aktionen rund um das Denkmal wieder zu. Um den Streit zu entschärfen, wurde über eine Umdeutung und Umgestaltung diskutiert. Das heizte den Konflikt erst richtig an: Zahlreiche Parteien nutzten das Thema, um im Wahlkampf 2007 auf Stimmenfang zu gehen. Längst war der Ort rund um das Denkmal vor der Nationalbibliothek für politische Versammlungen verboten worden. Nach der Wahl geschah dann alles in Eile. Die überforderte Polizei griff in der von Krawallen begleiteten Nacht der Verlegung zu. Dass auch Geschäfte zerstört und geplündert wurden, das habe niemand vorhersehen können, sagt Lauristin.

Die Probleme mit der russischen Minderheit in Estland gebe es in anderen europäischen Ländern auch, sagt die Professorin, die für ein neu aufgelegtes Integrationsprogramm Untersuchungen durchführte: "Viele Russen isolieren sich selbst sehr stark. Sie bleiben in ihren Ghettos, haben keinen Kontakt zu Esten, schauen nur russisches Fernsehen." Die Besonderheit in den baltischen Staaten: Der russische Staat unterstützt die ablehnende Haltung. Er sei bestrebt, diese Menschen von der Mitgestaltung ihrer neuen Heimat fernzuhalten. Lauristin ist es wichtig, zwischen dieser sehr kleinen, schwer zu integrierenden Gruppe und der großen Mehrheit der Russen, die in der Mitte der estnischen Gesellschaft angekommen sind, zu unterscheiden. Letztere haben sehr besorgt auf die Unruhen reagiert und sich für das schlechte Image geschämt.

Die russische Minderheit wird instrumentalisiert

Ken Koort
Russland instrumentalisiert die russische Minderheit gerne, um seine Verhandlungsposition gegenüber dem Westen zu stärken. So wurde im April vergangenen Jahres das Gerücht gestreut, dass die Statue Aljoscha in Stücke geteilt wurde. "Falschmeldungen halten sich lange, weil besonders in Ostestland viele Russen nur die Nachrichten in ihrer Muttersprache verfolgen", sagt Ken Koort, der um die Probleme der russischen Minderheit weiß, weil er noch vor einem Jahr Repräsentant des estnischen Bevöllerungsministeriums in der an Russland grenzenden Region Estlands war. Integration sei ein langwieriger Prozess, der von zwei Seiten ausgehen müsse: "Ich kann niemanden zwingen, Este zu sein, wenn er das gar nicht will", sagt der 29-Jährige, welcher Mitglied der stärksten Partei Estlands, der Reformpartei ist, derzeit aber kein politisches Amt mehr inne hat. An dem aktuellen Integrationsplan, der Anfang April dieses Jahres verabschiedet wurde, habe er noch mitgewirkt: Die estnische Bevölkerung umfasst kaum mehr als eine Million Menschen, ein Drittel davon ist nicht-estnischen Ursprungs. Das erleichtert Koort zufolge die Umsetzung des ehrgeizigen Integrationsprogrammes enorm. Darin sind sehr konkrete Ziele zur Schulausbildung formuliert worden, erstrecken sich aber auch auf den Arbeitsmarkt oder die politische Partizipation. Unter der Russisch-sprachigen Bevölkerung soll der Anteil derjenigen etwa wachsen, welche die estnischen Fernsehnachrichten verfolgen – von derzeit 60 Prozent auf 75 Prozent.

Am ersten Jahrestag der Krawallnacht blieb es in der Hauptstadt ruhig. An allen Schauplätzen der Unruhen vom vergangenen Jahr positionierten sich Polizisten. Untersützt wurden die Ordnungshüter von einer Garde aus Bürgern, die ein Sicherheitstraining absolviert hatten. Sodass eine Situation, in der eine Menschenmasse außer Kontrolle gerät, nicht wieder vorkommen könne. An dem früheren Standort des Bronzenen Soldaten trafen sich etwa zwei Dutzend "Nachtwächter" und einige Freunde jenes jungen Mannes, der in der Krawallnacht vor einem Jahr ums Leben kam.

Den 19-jährigen Russen Roman Kornilov erfüllte damals Scham, als er die Unruhen auf Tallinns Straßen im Fernsehen verfolgte: "Das hat ein so schlechtes Bild auf die Russen geworfen." Dabei habe er nie das Gefühl gehabt, als Russe das Denkmal verteidigen zu müssen. Der Abiturient, dessen Vater nur Russisch spricht, hat sich bewusst für die estnische Staatsbürgerschaft entschieden. "Ich möchte das Land mitgestalten, in dem ich lebe, und dabei spielt es keine Rolle, welchen Ursprungs ich bin." Vor Kurzem etwa lud er alle Lehrer/innen seiner russischen Schule zu einem Seminar ein und hielt eine Rede über Toleranz und Multikulturalismus. Er gab damit weiter, was er in einem Ferienkurs gelernt hatte: "Unterschiede verbinden."

Sieht man Estlands feiernde Jugend in den Nachtklubs der Hauptstadt, skatende Jungen auf den Plätzen, fragt man Studenten/innen nach ihrem Verständnis der Vergangenheit, so wird deutlich: Good bye Aljoscha. Die neue Generation ist in Europa angekommen.



Ada von der Decken & Anne Ackermann

Allikas: Magazin der bundeszentrale für Politische bildung
[Lisatud 19.05.08]
Ken Koort
AS Panaviatic
Ken Koort  ken@koort.ee  +372 50 41 061